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Dämm-Müll macht Dächer teurer
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Dämm-Müll macht Dächer teurer

03.02.2017

Eine neue Verordnung für Styropor ließ die Preise explodieren. Das bekommen Bauherren zu spüren.

"Auf dem Hof der Firma Köhler Bedachungen im sächsischen Frohburg türmten sich Ende 2016 weiße Berge - Dämmplatten-Abfall. Das Unternehmen wäre ihn gern losgeworden. Doch kein Entsorger aus der Region wollte ihn abnehmen. "Und da haben wir noch Glück gehabt", sagt Dachdeckermeister Hans-Jörg Köhler. Denn es handelte sich nur um Abschnitte von neuen Platten - also Reste, die bei der Verlegung anfallen. "Viele Kollegen, die mit dem Abbruch alter Dämmung beschäftigt waren, wussten nicht mehr , wo sie den Styropor-Abfall noch lagern sollten. Einige konnten deshalb sorgar ihre Baustellen nicht abschließen oder keine Aufträge mehr annehmen." Es gab auch Fälle, wo der Dämm-Müll notgedrungen erst einmal beim Kunden verbleiben musste.

Der Grund für das Entsorgungschaos war eine im Oktober vorigen Jahres in Kraft getretene Verordnung, die das mit dem Flammschutzmittel HBCD (Hexabromcyclododecan) behandelte Styropor als Sondermüll deklarierte. Dieser muss getrennt von allen anderen Stoffen in sogenannten Big Packs gesammelt und separat entsorgt werden. "Das hat uns kalt erwischt", sagt Köhler. Denn bis dahin war die Entsorgung des Dämmtstoffs kein Problem. Eine Abfall-Tonne kostete knapp 200 Euro. Nach der Neuregelung kletterte der Preis innerhalb weniger Wochen auf über 6 000 Euro pro Tonne. In ganz Sachsen fand Köhler keinen Entsorger, der den Abfall abnehmen wollte. Und das, obwohl dieser gar nicht mit dem Flammschutzmittel in Berührung gekommen war. Denn HBCD wurde nur bis 2013 auf Styropor-Dämmplatten aufgebracht. "Ich hätte aber nachweisen müssen, dass mein Abfall HBCD-frei ist. Das konnte ich nicht." Glücklicherweise hatte der 56-jährige, der auch als Sachverständiger für das Dachdeckerhandwerk tätig ist, zum Jahresende noch eine Baustellen in Suhl. In Thüringen nahm noch ein Unternehmen die Abschnitte ab. Es musste aber mit dem Beipackzettel nachgewießen werden, dass es sich um Neumaterial handelt.

Der Dachdecker ist sauer. Nicht nur darüber, dass er seinen Abfall erst stapeln und dann durch zwei Bundesländer zur Entsorgung fahren musste - was er eigentlich nicht darf, da ein Dachdeckerunternehmen überlicherweise keine Lizenz zum Abfalltransport hat. Er ist auch empört, weil er jahrelang seinen Kunden die Dämmplatten "mit gutem Gewissen verkauft hat und dann plötzlich die Entsorgung mehr kosten sollte als die Anschaffung."

Styropor muss vermischt werden

Mit seinem Ärger ist Hans-Jörg Köhler nicht allein. "Über 70 Prozent der Innungsmitglieder konnten die Styropor-Platten Ende 2016 gar nicht entsorgen", sagt Thomas Haeger, Chef des Landesinnungsverbandes des Dachdeckerhandwerks in Sachsen. Mehr als der Hälfte der Firmen hätten deutliche finanzielle Einbußen gedroht. Knapp 30 Prozent  - vor allem kleinere Betriebe - befürchteten, dass sie bald Mitarbeiter entlassen müssen.

Dass es nicht dazu kam, liegt an einer von der Bundesregierung ratifizierten Bundesratsabstimmung am 16. Dezember. Mit sofortiger Wirkung wurde die Sondermüll-Regelung für ein Jahr ausgesetzt. "Das haben wir begrüßt. Doch das Problem ist nur auf Eis gelegt worden", sagt Haeger.

Viele fragen sich, wie es jetzt weitergeht und was nach der Übergangslösung kommt. Das hat Auswirkungen auf einen großen Teil der Bau- und Sanierungsvorhaben. Denn der Entsorgungspreis fließt so oder so in die Kalkulation mit ein. "Momentan kostet die Entsorgung einer Tonne Styropor rund 1 000 Euro, sagt Köhler. Das ist zwar deutlich weniger als Ende 2016, aber immer noch viel höher als vor der Sondermüll-Regelung. Das Dresdner Entsorgungsunternehmen Nestler berechnet laut seiner Homepage zum Beispiel derzeit für alte Dämmplatten 70 Euro pro Kubikmeter, für neue 30 Euro. Da ungefähr 25 Kubikmeter Styropor-Abfall eine Tonne wiegen, sind das zwischen 1 750 und 750 Euro. Der Spitzenpreis im verganenen Jahr lag bei 260 Euro pro Kubikmeter, also bei etwa 6 500 Euro pro Tonne. "Jahrelang lief alles geregelt", sagt Peter Schinke vom Stoffstrommanagement. Styropor konnte auch stofflich verwertet werden. Doch die neue Sondermüll-Regelung verlangte eine thermische Verwertung. Die einzige Müllverbrennungsanlage Sachsens, die Thermische Abfallbehandlung (TA) Lauta, habe aber keinen Styropor-Abfall angenommen, obwohl sie eine Genehmigung zur Verbrennung von Sondermüll besitze.

"Unser Unternehmen schließt mittel- bis langfristige Verträge", sagt Rainer Kühne, Betriebsleiter der TA Lauta. "Aus Kapazitätsgründen konnten wir Ende vergangenen Jahres keine neuen Verträge abschließen." Auch zukünftig sei das Unternehmen nicht in der Lage, Monochargen - etwa Big Packs mit Styropor - anzunehmen. "Wir verbrennen jährlich 225 000 Tonnen Abfall." Würden die Lkws reine Styropor-Ladungen transportieren, müsste sich die Anzahl der Fahrzeuge vervielfachen. Das wäre logistisch unmöglich zu beherrschen. Die Entsorgungsfirmen müssten deshalb vorher das Styropor mit anderem Abfall vermischen. Im Falle einer Sondermüll-Verordnung bräuchten sie dafür aber eine Genehmigung. Wegen seines hohen Brennwertes müsse Styropor vor der Verbrennung ohnehin mit anderen Stoffen vermengt werden. Das 2013 als gesundheitsschädlich einsgestufte Flammschutzmittel HBCD wird laut Umweltbundesamt beim Verbrennen vollständig zerstört. Deshalb soll es auch ausschließlich thermisch und nicht stofflich verwertet werden.

Kunden müssen mehr zahlen

Wie sich das durchsetzen lassen soll, weiß derzeit noch niemand. "Geklärt werden müsste auch das Problem der HBCD-Nachweisführung", sagt Haeger. Denn es besteht keine eindeutige Regelung, wer den Nachweis zu führen hat. Dachdeckermeister Köhler kann sich auch nicht vorstellen, jede einzelne Platte prüfen zu müssen.

Einig sind sich alle Betroffenen darin, dass am Ende der Kunde die Rechnung bezahlt - egal, ob Neubau oder Sanierung. "Bauen wird teurer. Die erhöhten Kosten müssen in den Preis für die Kunden einfließen", sagt Köhler. Dass die Entsorgungskosten wieder auf ihr Vorjahresniveau fallen, glaubt er eher nicht. Auch wenn noch nicht abzusehen sei, ob sie zum Jahresende erneut explodieren, rät er von einer vorzeitigen Dachsanierung ab. "Das lohnt sich nicht. Denn im Schnitt kostet ein neues Dach 20 000 Euro. und hält 20 Jahre." Fassaden hielten in der Regel 30 Jahre. Somit dürfte demnächst bei noch mehr Bauherren Styropor-Abfall zu entsorgen sein."

 

Quelle: SZ Online vom 27.01.2017